
In der Handschrift spiegeln sich nicht nur Gedanken, sondern auch tiefe innere Bewegungen. Zwei Grundformen begegnen uns dabei immer wieder: die geschwungene Linie und die gerade Linie. Sie stehen symbolisch für zwei gegensätzliche, sich ergänzende Kräfte – wie Yin und Yang, Gefühl und Wille, Intuition und Struktur.
Die gebogene Bewegung – Fluss, Gefühl, Verbindung
Die geschwungene Linie ist weich, rund, umhüllend. In der Schrift begegnet sie uns in ovalen Buchstaben, Schleifen und allen Formen, die an Kreise erinnern. Der Kreis gilt seit jeher als Symbol für das Ganze, das Ewige, das Zyklische. Er steht für das Leben selbst – für Natur, Emotion, Intuition und das Mütterliche.
Wer stark gebogen schreibt, zeigt oft:
• ein starkes Bedürfnis nach Verbindung, Nähe und Harmonie,
• Anpassungsfähigkeit, Einfühlungsvermögen, aber auch
• Tendenzen zu Abhängigkeit oder emotionaler Verletzlichkeit.
Der Kreis umfasst, was die Gerade durchdringt. Er fließt, wo die Gerade zielt.
Die gerade Bewegung – Richtung, Klarheit, Struktur
Im Gegensatz dazu steht die gerade Linie: entschlossen, zielgerichtet, rational. Sie zeigt sich in senkrechten Abstrichen, Winkeln, Haken – sie trennt, richtet aus, formt. Symbolisch steht sie für das männliche Prinzip, das Yang: aktiv, führend, durchdringend, kontrollierend.
Graphologisch zeigt eine ausgeprägt gerade Schrift:
• Klarheit im Denken,
• einen starken Willen,
• Entscheidungsfreude, aber auch
• mögliche emotionale Zurückhaltung oder ein Bedürfnis nach Kontrolle.
Die Gerade will gestalten, formen, erobern – während die gebogene Linie aufnimmt, hält und verbindet.
Die Polarität der Schrift – Einheit im Gegensatz
Beide Bewegungen sind notwendig. Die Schrift eines Menschen ist dann lebendig und authentisch, wenn beide Kräfte in Balance sind: das Weiche und das Klare, das Empfangende und das Ausrichtende.
So offenbart die Linienführung nicht nur die Persönlichkeit des Schreibers oder der Schreiberin – sie zeigt auch, wie wir mit dem Leben in Beziehung treten.
Fazit:
Gerade Linien geben Richtung. Gebogene Linien geben Raum.
Zwischen beiden entfaltet sich die ganze Vielfalt menschlichen Ausdrucks – in der Schrift wie im Leben.
„Die Handschrift ist der tanzende Ausdruck innerer Gegensätze –
sie verbindet das Weiche mit dem Klaren, das Empfangende mit dem Formenden.“
Vielleicht magst du dir deine eigene Handschrift einmal mit neuen Augen anschauen:
Wo fließt sie weich, wo setzt sie klare Linien?
Was verrät sie über deine innere Balance – über Gefühl und Geist, über Nähe und Ziel?
Ich lade dich ein, neugierig zu bleiben, liebevoll hinzuschauen und dich selbst in deiner Schrift wiederzuentdecken.
Schön, dass du hier bist – du bist willkommen, genau so, wie du bist.
Marika Jacqueline Mitterhofer